Von der Seuche ein gescheiterter Jüngling zu sein

„Ein junger Mensch ist eine Seuche“, schrieb mal Einer den ich kenne, anlässlich seines seltsamen Triebes die eigene Witzelsucht ausleben zu müssen. Hierbei gehörte er der seltenen Gruppe von kaum bekannten Frontalhirngeschädigten Kranken an, die Wortspielereien bis zum Exzess betreiben und ihrer Umwelt damit wenig imponieren und die Anwesenden von daher meist nur kalt erstarren lässt. Worte und Sätze werden dabei abstrahiert und sublimiert, teilweise bis zur Unkenntlichkeit entfremdet, neu kreiert und verhöhnt – eine ungeahnte kognitive Flexibilität findet ihren Ausdruck (Heinz Erhard war möglicherweise einer der größten Witzelsucht-Kranken). Würde man das mit einem Menschen machen, was mein Bekannter mit Worten macht, müsste man von einem schwerwiegenden Mobbing-Angriff ausgehen, der unverzüglich in die Hände von Mediatoren gehört. Es handelt sich um eine „unkontrollierbare Neigung zu Wortspielen und dazu, unpassende Witze oder sinnlose Geschichten in unpassenden Momenten zu erzählen. Der Patient findet diese Äußerungen dennoch ausgesprochen amüsant“ – so beschreibt es (oberflächlich) jedenfalls WIKIPEDIA, schrieb DIE PRESSE in einem Artikel1 über Witzelsucht.

Ursprünglich lautete der oben zitierte, verfremdete Satz „Ein junger Mensch ist auf der Suche“. Nun kann man als Fremder über derlei Sinnverdrehung der Worte Suche und Seuche durch die entscheidende Hinzufügung des freundlichen kleinen Buchstabens e sicher nicht lachen, man bräuchte ein höheres Maß an humoristischer Toleranz und Hintergrundwissen. Würde man aber a. den Jüngling kennen, über den dieser Satz geschrieben wurde, und würde man b. diejenige Person kennen, die den ursprünglich geschriebenen Satz verfremdet hat und den Jüngling kennt, könnte man doch darüber lachen. Ein Jugendhasser, Person c., der wiederum Personen a. und b. bekannt ist, äußerte sich jedenfalls dahingehend, dass der Satz „Ein junger Mensch ist eine Seuche“ in Stein gemeißelt gehört und ließ bei diesem Gedanken seine Gaumensegel im Wind des Lachens kräftig flattern.

Also, so einfach ist es mit der Witzelsucht dann doch nicht, da sie letztlich auf der Fähigkeit beruht, assoziativ denken zu können, was ja bekanntlich nicht jedem gegeben ist. Weshalb eine Polarität entsteht, innerhalb der Gruppen jener, die auf Anhieb verstehen können, weil es ihre Synapsenverknüpfungen erlauben und der Gruppe von Menschen, die nicht auf Anhieb verstehen können, weil es ihre Synapsenverknüpfungen eben nicht erlauben. Bei dieser Gruppe muss der Witz an der Sache sozusagen einen zerebralen Umweg machen. Auf diesem Umweg wird der eigentliche Witz allerdings meistens schon im Keim erstickt, ergo verdrängt, weil er als geistig zu hoch oder auch als geistig zu flach empfunden wird.

Person b. jedenfalls sagt, es sei wie ein wahnsinniger Rausch, an der Tastatur zu sitzen und Texte zu verändern. Ein völliges, spontanes Weggetretensein, bei dem scheinbar schlagartig körpereigene Morphine freigesetzt werden und der Schreiberling alles, wirklich alles um sich herum vergisst und dabei wild und wie blöde auf die Tasten einhämmert, ohne zu wissen, was er tut. Welch begehrenswerter Zustand!

Person a., unser Jüngling, ist nichtwissend, was über ihn geschrieben wurde. Er lebt in seiner Welt, die es der Außenwelt tatsächlich derart erscheinen lässt, ein junger Mensch sei eine Seuche. Dies deshalb, weil diese Gesellschaft in der wir leben, von Jünglingen über 20 erwartet, dass sie ihren Platz in einem funktionierenden System bereits gefunden haben sollten. Nicht aber a., er weiß sich dem zu entziehen, und dies seit Jahren. Erfolgreich.

Ausgestattet mit einem wahrhaft kommunikationsstarken, mathematisch-, sowie Fremdsprachen- begabten Köpfchen, rezitiert er Haders kabarettistische Vorstellungen überzeugend wortgetreu und stundenlang. Würde man ihn nicht unterbrechen, weil die sonst ungebremste Verhaltenskreativität unerträglich wird. Da dieses Talent nicht den schulischen Anforderungen entsprach, wohl aber den persönlichen Neigungen, gab man die Schule auf und zog sich zurück, dorthin, wo man gut Zuhause sein kann, nämlich ganz in sich selbst. Oder in dem, was man Krankheit nennt. Das Problem, nachts nicht schlafen zu können, führte dazu, dass man tagsüber schlief, was nicht der Norm, wohl aber den persönlichen Neigungen entsprach. Derart ausgebootet, weil ja alle anderen der Schule oder einem Job nachgingen und in der Nacht Erholung von den Mühen des Tages suchten, vereinsamte man und ließ es sich dabei doch recht gut ergehen, weil eine elterliche Versorgung (regelmäßige Fütterung) stattfand. Das Diogenes-Syndrom, die Leidenschaft zur häuslichen Vermüllung, breitete sich aus und führte im Ergebnis zum Auszug aus Muttern´s Hotel. Man lebte fortan in der ersten alleinbezogenen Wohnung mit mehreren Schichten übereinander gelagerten (stinkenden?) Nichtgebrauchtens und stieg einfach darüber und darauf, bis der Druck der Umwelt, das leidige Aufräumen nicht mehr aufschiebbar machte. Die Eltern zahlten weiter. Eine psycho-sozial eingeschaltete Betreuungsperson befand, dass ein Umzug in eine betreute WG zu ungeahnten neuen Lernerfahrungen führen müsste, da ein wohlgemeintes (möglicherweise anhaltendes oder sich wiederholendes) Feedback aus der Gruppe sehr heilsam würde sein können.

Man versuchte sich erwachsen zu fühlen und daher erwachsen zu handeln. Man begann damit Dinge zu konsumieren, die man nicht konsumieren sollte, man konsumierte, weil es in der WG eben etwas zu konsumieren gab, freilich ohne das Wissen der psycho-sozialen Betreuungspersonen. Und ohne das mütterliche Wissen, die aber dennoch, aufgrund von gewissen Instinkten (?) zu einem neuerlichen Auszug riet, welcher abgelehnt wurde. Der Vater wünschte sich weiterhin für den Sohn einen Schulbesuch mit Abschluss. Wenigstens das, während der (gescheiterte) Sohn, gefangen im Drama des begabten Kindes, auf die Rundung seines ersten Lebens-Vierteljahrhunderts ohne Schulabschluss zumarschieren möchte.

Die konsumierten Dinge führten zu einer Verschlechterung des vorhandenen seelischen Krankheitsbildes. Man fühlte sich wenig motiviert am sogenannten Leben teilzunehmen und neuerlich eine Schule zu besuchen oder einen Beruf zu ergreifen. Die Jahre gingen dahin, ohne jemals eine normierte oder sinnhafte Lebensstruktur gefunden zu haben. Die Eltern zahlten. Der Staat zahlte. Und die, die dabei standen und alles aus der Distanz beobachteten, befanden schlicht, ein junger Mensch sei eine Seuche. Weil, wohl kein Einzelfall. Weil, möglicherweise ansteckend? Wenn nicht ansteckend, dann aber wenigstens recht weit verbreitet.

Vorliegend hier, ist eine noch-milde Form der Lebensverweigerung, hervorgerufen durch eine tiefgreifende psychische Störung und verglichen mit den Möglichkeiten, die andere Jugendliche ergreifen, um ihren tristen Alltag kreativ zu gestalten, geradezu eine gesellschaftliche Lappalie, was ein anderes Beispiel aus der Realität zu erhellen vermag:

Drei männliche Jugendliche2 spinnen die Idee, eine zufällig vorbeikommende Frau zu vergewaltigen und zu töten, um ihr anschließend beim Sterben zuzusehen. In der Vergangenheit hatten bereits zwei von ihnen mit einem aus dem Nest geholten Jungvogel Fußball gespielt. Zum Mord mit einem 30 cm langen Messer an einer Frau kam es glücklicher Weise nicht, weil man zwischenzeitlich durch eine SMS abgelenkt, auf andere Gedanken kam. Ja, so kann es auch gehen. Jetzt sitzen sie für eine Weile wegen Mordkomplotts, mit der Aussicht auf eine wenigstens fragwürdige Zukunft, geprägt durch den Haftaufenthalt und damit verbundene, weitere unlustige Erfahrungen.

Die Medien3 berichten von einer explosionsartigen Zunahme bei schweren Delikten und davon, dass die angehenden Erwachsenen und Ausübenden von Kriminalität zu 80% der Gilde der Arbeitslosen angehörig sind.

Ein junger Mensch ist eben doch irgendwie eine Seuche. Oder?

© Florinda Ke Sophie, Graz 2010

Zitate: DIE PRESSE, Artikel1 http://diepresse.com/home/spectrum/spielundmehr/556107/index.do?_vl_backlink=/home/spectrum/spielundmehr/index.do

Quelle: ORF-online, Jugendliche2 http://steiermark.orf.at/stories/216222/

Quelle: NEWS-online, Medien3 http://www.news.at/articles/0803/10/194391/raub-diebstahl-gewalt-steigende-jugendkriminalitaet-oesterreich

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