In crisis vino veritas

Mir ist das alles egal. Das mit der Krise und so. Im ernst. So was von wurscht. Für mich macht das keinen Unterschied. Und warum? Weil ich Künstler bin. Das ist schon an und für sich ein Ernstfall, ein ernsthafter Existenzunfall, also die ultimative lebenslange Krise, durch die bloße Anwesenheit von einem selbst, und durch einen selbst herauf beschworen. Ein Existenz-Ernstfall-Unfall sozusagen. Denn man kann ja nicht anders als Künstler, als vor sich hin zu künstlern. Egal was passiert. Man ist selbst ein Unfall-Ernstfall. Weil man nicht ernst genommen wird. Jedenfalls nicht so, wie man sich das einbildet (man möchte ja gerne als Mittelpunkt des Universums wahrgenommen werden. Mindestens.).

Das bedeutet, erst wird man in die Welt geworfen mit fragwürdigen Talenten (einmaliger Unfall, weil die meisten Menschen ja nicht gewollt gezeugt werden) und dann, nach jahrzehntelangem Existenzkampf kommt man drauf, dass die Leute zu wenig kaufen (ständiger Ernstfall), man fühlt sich dann nicht ganz ernst genommen von seiner Umwelt, und auch von Gott nicht, der ja für die vermaledeiten Talente letztlich verantwortlich ist, also irgendwie ist man auf mehreren Ebenen verarscht, wo man sein ganzes Herzeblut, poch, poch, und die unerschütterlich wenig hereinfließende Kohle in seine Kunstprojekte steckt und danach trachtet, halt zu überleben (wegen dem Existenztrieb), mit dem, was einem so aus den Fingern fließt und aus dem Gehirnbrei. Oh, ich liebe den österreichischen Langsatz!

Also die Krise macht doch gar keinen Unterschied für unsereins. Weil man eh nie genug verkauft. Außerdem kommt die Krise erst noch. Letztes Jahr war z.B. die Krise in Feldbach aktuell, weil allen Leuten dort die Hänge ins Haus rutschten. Flutsch – Haus weg. DIE hatten echt ne Krise. Im ernst. Und im Ernstfall ist ihnen auch geholfen worden, weil anderer Leute Krisen der Konjunktur Aufschwung bringt. Der Staat wird helfen, also die Steuergelder werden helfen. Wir werden helfen müssen. Aber nur fürs Erste. Bis sich die ganze Globalisierungsfinanzscheißmisere auswirkt, das wird noch dauern. Da kann es noch viel regnen. Je mehr umso besser, stabilisiert die Konjunktur, weil viele neue Häusle gebaut werde müsse. Regen bringt Segen.

Also. Die Krise kommt dann noch. Irgendwann und irgendwie. Österreich hinkt allem hinterher. Sogar der blöden Krise. Das Firmen in Konkurs gehen werden, weil ihre Zuliefererfirmen schon in Konkurs gegangen sind, das kommt erst noch. Da hat es ein Künstler in Österreich richtig gut, weil ihn das ständig betrifft, deswegen macht er sich nichts mehr draus. Er ist ein echter Vorauskrisenfühler, ein Ernstfallprofi oder ein Ernstfallvisionär. Und ein Stehachterl beim Abschied von ner  Vernissage wird’s doch wohl noch geben trotz der Krise? Oder? Wenn nicht, wär das echt ne Krise für viele. Ich meine für die Nicht-Künstler-sondern-nur Betrachter. Weil sie dann nämlich nicht mehr zu den Vernissagen gehen bräuchten. Die Motivation würde wegfallen. Würd sich dann erübrigen meiner Beobachtung nach. Würden sich dann noch weniger Leute für die schönen Künste interessieren. Das wär keine Krise. Vielleicht blieben dann die übrig, die sich wirklich damit auseinander setzen wollen. Mit dem, wofür man sich so abmüht, um sich selbst erhalten zu können. In crisis vino veritas! Denn crisis bedeutet ja Entscheidung und Wendepunkt. Also das trennen der Spreu vom Weizen. Die Trennung der Wasser- von den Weintrinkerunvermeidlichen auf Vernissagen.

Man könnte jetzt zusätzlich die Konjunktur anheizen, und damit der Krise versuchen davon zu schippern, indem man den Leuten in den österreichischen Katastrophengebieten auf Steuerzahlerkosten quasi umsonst jede Menge Wein zukommen lässt. Denn man sagt ja, wer Sorgen hat, hat auch Likör (und braucht ihn dann immer möhr).

Also Freiwein für alle. In der Folge würde das die Weinwirtschaft ankurbeln, weil die Weinbauern es nicht ertragen können, dass ihre Keller sich leeren und von daher einfach Nachschub folgen muss, damit ihre Kassen sich weiterhin füllen können, nachdem der Glykolskandal schon lange vergessen und begraben ist, aber der österreichische Markt mit Globalisierungwein immer stärker überflutet wird. Wenn man den Leuten in den Krisengebieten den Wein in guten alten Holzfässern anliefern würde (das käme auch der Holzindustrie zugute und damit dem Aufschwung, der jeder Krise folgt), könnten sie die auch bei einer neuerlichen Regenkatastrophe als Rettungsboote benutzen und mit den Vermurungen die Hänge hinab gleiten zu neuen Ufern. Wär doch echt super. Also dem Künstler ist damit zwar nicht geholfen (mit Freiwein schon, spart ja schließlich lästige Ausgaben), aber die Künstler können die Regenkatastrophe schließlich auch nutzen, um ihre unverkäuflichen Werke davon schwimmen zu lassen oder Skulpturen mittels Weitwurf in der schönen Mur zu versenken. Da könnte man Aktionskunst daraus machen. Katastrophen-Kunst aus aktuellem Anlass sozusagen. „Throw your art into the Mur and you will be for ever poor! (Any way)” DAS könnte unser Leitspruch sein.

Den Ernst der Lage erkannte nun auch endlich die Grazer Presse, Abteilung „Gratis an alle Haushalte“, in dem sie (auch im letzten Jahr) publizierte, das jeder dritte Künstler an der Armutsgrenze lebt. Eins, zwei, drei, KollegInnen durchzählen und nach vorne treten bitte. Die Studie, die das ans Licht brachte, gab es freilich schon viel länger. So das man auch hier sagen muss, dass die Presse zeitverzögert und daher entschleunigt reagierte (hier ticken die Uhren einfach anders), wahrscheinlich weil es in dieser Woche gerade keinen anderen, besser ausschlachtbareren Schmäh zu berichten gab. Eins, zwei, drei.

Die Einser-Künstler leben in geordneten (und fadisierenden) Bahnen und Verhältnissen. Sie sind meistens schon älter. Sie haben einen Job, weil sie wissen, dass sie ohne Job an der Armutsgrenze leben würden. Deshalb sind sie als kluge Leute einzustufen. Vernünftig halt. Und langweilig. Haben sich dem System angepasst. Machen bekömmliche Kunst um überhaupt etwas zu verkaufen. Meistens haben sie einen (Ehe-) Partner im Hintergrund, der sie zusätzlich absichert und daher auch Teilnahmen an für den Künstler, teuren Kunstmessen und anderen Publikumsträchtigen Orten ermöglicht.

Der Zweier-Künstler hat es geschafft, sich am Markt irgendwie zu etablieren. Er ist halbjung und dynamisch-trendy, hat studiert und weiß, wie man an öffentliche Subventions-Kohle heran kommt. Er reist gerne, ist kommunikativ, kann gut schreiben und formulieren und weiß sich selbst zu vermarkten, er hat gute Connections schon aufgrund seines Studiums und seines Alters. Ab 35 ist man nämlich oftmals in bestimmten Bereichen nicht mehr Förderungswürdig. Bis dahin HAT MAN ES GESCHAFFT zu haben. So lebt der Zweier-Künstler schwerpunktmäßig von der Umsetzung von Projekten und kommt damit ganz gut über die Runden. BRAVO!

Der Dreier-Künstler ist ein armer Hund. Er macht was er will und wie er will, um der Kunst wegen und um seiner selbst willen. Er kreist nur um seinen eigenen Bauchnabel, denn dieser Bauchnabel ist seine Welt. Er ist ein Seineigenerbauchnabelliebhaber. Der Dreier-Künstler hat ordentlich was los und ist sehr unangepasst, schlichtweg stur und bildet sich ein, dass ihm die Welt zu Füßen liegen muss. Jedenfalls erwartet er das unerbittlich. Er schlägt sich ebenfalls irgendwie durchs Leben, lebt seine Vision und ist bereit, dafür zu verhungern. Jedenfalls notfalls und jedenfalls rein theoretisch. Er weigert sich, sich dem System unterzuordnen und bis ans Lebensende einen „ordentlichen“ Beruf verfolgen zu sollen (nur weil das die Gesellschaft von ihm erwartet). Dies deshalb, weil er um seine Talente weiß und nicht einsieht, sie in anderen Berufsfeldern verschleudern zu sollen, während ihm seine Lebenszeit davon läuft, die er ja eigentlich für seine künstlerische Arbeit bräuchte. Er kann einfach nicht anders.

Eins, zwei, drei. Die Situation betrifft nicht nur die bildenden Künstler und Bildhauer, sondern ebenso Tänzer, Schauspieler und Autoren. Musiker in der freien Szene sowieso. All das interessiert den Bürger herzlich wenig, da er selbst genug Sorgen hat. Verständlich. Schließlich betrifft die Krise uns alle. Und jeder ist seinen eigenen Interessen und Bauchnabelliebhabereien der Nächste. Ob es die Politiker interessiert, ist fraglich, da sie von Berufswegen Interesse für vieles heucheln müssen, ohne sich einem Thema oder Problem wirklich verpflichtet zu fühlen. Das kommt von daher, weil Politiker und sonstige Menschen mit öffentlichen Gewicht, den Boden zur Basis verloren haben und daher nicht mehr in unseren Mokassins wandeln. Eins, zwei, drei.

Was das bedeuten kann, mag folgendes Beispiel anreißen. Vor einigen Jahren eröffnete mal die Micky Maus eine Ausstellung. In ihrer Rede richtete sie die Bitte ans Publikum und damit an die anwesenden Künstler selbst, sie sollen doch bekömmliche Kunst herstellen. Mir fiel die Kinnlade runter. Ich konnte nicht verstehen, was sie damit sagen wollte. Was ist denn bekömmliche Kunst? Leider hat Micky das nicht erläutert und fragen konnte man sie natürlich auch nicht während der Rede. Und nach der Rede war sie auch schon wieder verschwunden, wie sich das für einen echten Promi gehört. Bekömmlich, bezogen auf eine Speise, wäre doch gleichzusetzen mit leicht verdaulich und wohlschmeckend. Wenn das jemand von den Künstlern erwartet, fragt man sich, wie Menschen dazu kommen? Das sie denken, die Künstler könnten das leicht verdauliche besser verscherbeln? Weil das leicht verdauliche dekorativer ist? Schön wärs ja. Aber braucht unsere Gesellschaft noch mehr leicht verdauliches? Wo eh schon alles so schnelllebig und inhaltslos wie oberflächlich geworden ist? Ist es die Aufgabe der Kunst „bekömmliches“ zu produzieren, anstatt in Frage zu stellen? Und sind wir gerade in der bildenden Kunst nicht schon genug von bekömmlichem umgeben, geradezu überflutet, weil sich doch fast alle dem Mainstream anpassen? Muss man dazu auch noch öffentlich aufrufen?

Sich die Leute, das Volk also, aber auf der anderen Seite im Disneyland der Kultur mit Ausstellungen konfrontiert sieht, die oftmals kein normaler Mensch zu verstehen in der Lage ist? So sagen die Leute jedenfalls. Da klafft also ein derber Abgrund zwischen elitärem Anspruch und Banalität. Und Mickey Maus erteilt den Ratschlag bekömmliches zu produzieren. Ist es denn bekömmlich, wenn Künstler gekaute Kaugummis von der Decke herunter kleben lassen und das als Installation verkaufen? Was wollen wir denn eigentlich? Eins, zwei, drei.

Ich habe damals Mickey Maus porträtiert. Nach ihrer Rede. In Öl auf Leinwand. Es war mir ein Bedürfnis. Sie sah darauf sehr bekömmlich aus. 20 Jahre jünger und sehr frisch und freundlich anzusehen mit echt mausigen Schnurrhaaren. Süßlich lächelte sie vor sich hin. Mickey trug einen Anzug. Auf der Anzugsjacke steckte ein Button, wie man sie damals trug als Hippie, wenn man gegen Atomkraft und überhaupt alles war. Die gelben meine ich, mit dem roten Manschkerl in der Mitte, das seine Faust austreckte und die ultimative Kurzform-Frage „Atomkraft?“ mit „Nein Danke“ beantwortete. Ich habe das geändert und auf den Button in Öl geschrieben „Bekömmliche Kunst?“ und „Ja bitte“.

Eins. Zwei. Drei. Dann habe ich das Bild wieder übermalt, allerdings nachdem ich es in Disneyland schon ausgestellt hatte. In einem Wutanfall habe ich es übermalt. Weil hier alles so schwierig ist. Weil ich hier schon so oft angesucht habe um öffentliche Ankäufe, bei Wettbewerben mitgemacht habe und mir auch ansonsten keine Gelegenheit habe nehmen lassen, mit meiner Kunst meinen Lebensunterhalt zu verdienen. Für einen Ankauf bei der Sammlung der Wirtschaftskammer war ich jedenfalls zu Deutsch. Was man hinterher aber dementierte. SO war das doch nicht gemeint. Aber der Satz „Sind sie Deutsche? Dann können wir leider nichts ankaufen, denn wir kaufen nur von Ureinwohnern“, der klingt noch in meinen Ohren.

Ich bin ein Dreier-Künstler, aber kein Chaot. Die Realität, im ernst, ist: Es gibt soviele Leute, die zu einem kommen und einem einen Bären aufzubinden versuchen. Sagen einem ins Gesicht, sie wollen was kaufen, geben einem die Hand drauf. Legen Zahlungstermine fest. Dann melden sie sich nicht mehr und stellen sich tot oder reden sich sonstwie heraus, dass man drüber speiben möchte.

Eins. Zwei. Drei. Das macht mich rasend. Weil ich mir denke, das ist ein Machtspiel. So zu tun als ob. Wie wenn jemand vor einem Hundezwinger steht und hinter dem Zaun ist der Hund. Der Mensch auf der anderen Seite des Zauns hält dem Hund ein Stück Wurst vor die Nase. Der Hund wedelt mit dem Schwanz, weil er sich freut. Denn es riecht nach Happi, happi. Und die Wurst für den Hund 200 Mal mehr nach Wurst riecht als für den Menschen. Der Mensch wedelt nun seinerseits mit dem Stück Wurst vor der Nase des Hundes herum. Der Hund stellt sich am Zaun auf und legt seine Pfoten in die Maschen des Drahtes. Mit seiner Nase stupst er durch den Zaun und winselt, weil er nicht an die Wurst heran kommen kann. Der Mensch nimmt das Stück Wurst und führt es zu seinem eigenen Mund und isst es vor den Augen des Hundes auf. Der Mensch fühlt sich gut, wenn er so etwas machen kann. Der Mensch quält gut und gerne. Der Mensch spielt gerne mit seiner Macht, weil er sich selbst oft ohnmächtig fühlt. Das nennt man Sozialisation.

Eins. Zwei. Drei. Davon gibt es viele. Von den Dampfplauderern. Aber auch in Deutschland, habe ich gehört und das versöhnt mich mit dem Ort an dem ich lebe. Aber Mickey Maus habe ich in all ihrer jugendlichen Pracht übermalt. Leider. Ebenso den Strache. Ein Gemälde nach dem Foto, wo er sich angeblich nur drei Bier bestellt hat. Im Hintergrund sah man Hitler und viele Gebeine. Strache lächelte und bestellte eben seine drei angeblichen Bier. Das Bild habe ich übermalt, weil ich Angst hatte, die Burschenschaft tritt mir die Fensterscheibe ein. Die haben mich schon ganz grimmig angeschaut und nicht mehr gegrüßt. Dann habe ich es auch übermalt, weil es eh niemand kaufen wollte. (Und ich kann ja nicht 100 Jahre warten.) Wahrscheinlich war es nicht bekömmlich genug. Welches Volk wird schon gerne konfrontiert? Nun sind die beiden Bilder etwas für die Kunsthistoriker in zweihundert Jahren. Und werden sich dann fragen dürfen, was hatte DIE denn für Probleme?

Eins. Zwei. Drei. Manchmal habe ich solche Anfälle. Andere Bilder landen auf dem Grazer Sturzplatz. In die Mur darf man sie ja nicht werfen, wegen Umweltverschmutzung. Eine öffentliche Verbrennung auf dem Hauptplatz würde nicht genehmigt werden. Was also tun? Eins. Zwei. Drei. Die Lage ist ernst. Denn der potentielle Konsument weigert sich zu konsumieren. Aber nicht weil wir jetzt die jetzt-noch-gar-nicht-richtig-da-Krise haben. Bloß so. Weil wir hier halt so sind. Weil wir nicht darüber nachdenken wollen, dass Künstler Leute sind, die darauf angewiesen sind, dass ihnen ihre Kunst jemand abkauft bei Gefallen. Denn wir arbeiten nicht für die Ewigkeit, wir arbeiten dafür, dass wir jetzt von unserer Hände Arbeit überleben können.

Natürlich könnte man als Künstler auch in den Sudan auswandern, weil das Leben dort billiger ist und es dort keine Konsumdekadenz gibt. Ein. Zwei. Drei. Ende der Betroffenheitsliteratur in Zeiten der globalen Krise und persönlicher Ernstfälle, gegen die sich aufzulehnen, man geneigt ist. Was einem aber auch nichts nützt.

© Florinda Ke Sophie, Graz 2010

 

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