Grazer Kunsthaus – SF aus der schönsten Vorstadt von Wien

Grazer Kunsthaus - Friendly alien meets friendly alien

Grazer Kunsthaus - Friendly alien meets friendly alien

Kapitel 1

Der Ausblick aus dem UFO war für die SirianerInnen interessant. Das UFO schwebte lautlos über dem Kunsthaus Graz. Die Mur glitzerte sommerlich gelangweilt vor sich hin. Wasser hatten die SirianerInnen noch nicht gesehen, aber schon davon gehört. Das Glitzern gefiel ihnen ausgesprochen gut. Die BewohnerInnen des benachbarten Planeten Delphinus und deren BewohnerInnen namens DelphianerInnen hatten den SirianerInnen bei einem Treffen vor einigen quillionen Jahren davon erzählt, dass es einen Planeten mit Wasser gab. Aber deswegen waren die SirianerInnen nicht in Graz gelandet. DAS war nicht ihr Auftrag. Es ging um mehr.

Sie hatten ebenso bei diesem Treffen davon erfahren, dass es auf der Erde etwas gab, das „männlich“ sein sollte. Was „männlich“ war, konnten sie sich nicht vorstellen, weil es für sie seit quilliarden von Jahren keine anderen Wesen als SirianerInnen und DelphianerInnen gab. Auf manchen Planeten lebten noch andere Wesen, aber diese waren geschlechtslos, weil deren Vermehrung durch eigens dafür konstruierte Raumschiffe vorgenommen wurde, die in gewissen Zeitabständen die betreffenden Planeten auf Lebewesen und Bewohner untersuchten.

Dies war die Aufgabe der SirianerInnen, welche dafür technisch hervorragend gerüstet waren. Fanden sie auf einem Planeten ein vermehrungswertes Wesen vor, fingen sie es mit Netzen ein und brachten es in eine Art Glasinkubator auf die Bordstation des Vermehrungsraumschiffs, in dem sie einfach alles vervielfältigen konnten. Dies aufgrund von BNSAnalysen, was die Kurzform von BodyNativeScreenAnalysis war. Eine Sonde wurde in das betreffende Wesen eingeführt, diese entnahm mit einem kleinen Saugrohr, an dessen Ende sich winzig kleine Zangen befanden, etwas Lebensmasse und füllte diese dann in ein von EnergyUniversumDefribrillator, kurz EUD genannt, angetriebenes Gerät ein, dessen Leuchte milchig-rosa blinkte, wenn es eingeschaltet wurde. Dieses Gerät entnahm eine Probe des Wesens und kopierte sie dann mit einem MGS, was in der Langsprache MegaGemmaSynchronisator bedeutete, in ein LUDA, was ein sehr kleines, von gelber Farbe und rasant wachstumsfreudiges, das sogenannte LebensfähigesUrDeltaAnatom war. LUDA bestand aus reinen Gemma-Zellkernen, die sich sofort zu vermehren begannen, sobald sie mit etwas „gefüttert“ wurden, das Informationen in seiner biologischen Masse trug. Eine winzige Probe, in LUDA eingefügt, genügte, damit sich der Prozess des Zellkopierens eigenständig in Bewegung setzte und exakte, lebensfähige Nachbildungen dessen schuf, wovon die Probe entnommen worden war. Der Vorteil dieser ausgeklügelten biophysischen Technik war, dass die SirianerInnen nur das produzierten und in der Menge, die sie für sinnvoll erachteten, die sich bewähren konnte und aus überlebenstechnischen Strategien und für friedliche Zwecke einen Sinn und Nutzen hatte.

Am Lendkai blickte der Intendant des Grazer Kunsthauses zu dem blau-runden Dach des Kunsthauses auf, dass auch „friendly alien“ genannt wurde. Es war ihm seltsam vorgekommen, dass sich der Himmel plötzlich verdunkelt hatte. In seinen Gedanken war er tief versunken und dachte an Wien. Oder dachte er an Wein? Wie leicht es doch war, einfach die Buchstaben zweier unterschiedlicher Wörter zu verdrehen und mit ihnen zu spielen. Er fragte sich, ob er Graz nicht doch verlassen sollte, um sich in Wien in naher Zukunft zur Ruhe zu setzen. Vielleicht mit einem Glaserl Wein. Wein in Wien. Ja, der Gedanke gefiel ihm. Die Grazer wussten seine Arbeitsleistung und alles was er in den letzten Jahren aufgebaut hatte, ohnehin nicht zu schätzen. Wofür also weiter Perlen vor die Säue werfen? Oder irrte er sich?

Als er nach oben blickte stellten sich seine Haare an beiden Unterarmen schlagartig auf. Es gruselte ihn.

Über dem Kunsthaus schwebte etwas, dass er bislang nur aus Filmen und Science-Fiction-Romanen kannte. Es musste eindeutig ein UFO sein. Das UFO hatte einen Glastrichter zum Kunsthaus hinabgelassen. In diesem Glastrichter befanden sich drei Wesen, die er noch nie zuvor in seinem Leben gesehen hatte. Gleich würden sie das Dach des Kunsthauses (seines Kunsthauses, dachte er bei sich) erreichen. Er stand mit offenem Mund da und starrte nach oben. Er bemerkte gar nicht, dass sich sonst niemand auf der Straße befand.

Der Glastrichter hatte offensichtlich so etwas wie eine Tür, denn er bemerkte eine räumliche Verschiebung, wie von einem durchsichtigen Vorhang aus Gaze. Die drei grazilen Gestalten traten aus dem Glastrichter hervor und begannen auf dem runden Plastikdach des Grazer Kunsthauses umher zu wandern und es unter die Lupe zu nehmen. Scheinbar suchten sie nach einem Eingang ins Kunsthaus. Die Art wie sie sich bewegten war sehenswert.

Die Gestalten sahen wie Frauen aus. Das wunderte ihn, weil sie nicht in seine Vorstellung von Außerirdischen passten. Er hätte erwartet, dass Außerirdische entweder geschlechtslos oder männlich waren. Diese Exemplare hatten so etwas wie Brüste,  jedenfalls nahm er deutlich eine Art Balkon wahr, welcher sich kurz unterhalb des Halses befand. Der Hals jedenfalls war erstaunlich. Extrem lang, wie in einem Gemälde von Parmigianinos. Wie hieß das Gemälde aus der Renaissance mit dem logischen Titel noch gleich? Ah ja, die Madonna mit dem langen Hals. Er hatte es in den Uffizien hängen sehen. Aber Modigliani hatte dann Jahrhunderte später auch Frauen mit langen Hälsen gemalt. LanghälsInnen dachte er und kicherte in sich hinein.

Dieser Balkon unterhalb des langen Halses, von dem er vermutete, dass es Brüste sein könnten, wirkte merkwürdig auf ihn. Man sah ganz deutlich, dass dieser Balkon eine Einheit war, es handelte sich also nicht um zwei Brüste, wie bei menschlichen Frauen, sondern um einen regelrechten Brustbalken, an dem nur die netten Nippel zu fehlen schienen. Vermutlich brauchen sie die nicht mehr, mutmaßte er und war fasziniert, von ihrer Fortbewegungsart, die eindeutig der Fortbewegungsart von Schnecken gleichkam. Die Wesen hatten keine Beine, sondern ein einziges Bein, das einem Baumstamm glich, sie waren Einbeiner, schlussfolgerte er und fragte sich fasziniert, ob sie auf seinem blauen Plastikdach eine Schleimspur hinterlassen würden? Dann erstarrte er erneut.

Sie hatten sich zu ihm umgedreht und starrten ihn nun ebenfalls an. Jede von ihnen hatte ein einziges Auge, inmitten der Stirn. Unter diesem Auge war ein Loch in der Größe eines Fünf-DM-Stücks. Ideale Einschubluke für Karotten oder Käsekrainer, schoss es ihm durch den Kopf. Und er lief rot an, weil ihm dann noch etwas anderes einfiel, was man ihn dieses Loch hätte schieben können. Sexist, schimpfte er bei sich und merkte, dass sich dennoch in seiner Hose etwas rührte.

Die drei Wesen waren unbekleidet oder aber auch nicht. Man konnte es auf die Entfernung nicht so genau erkennen. Vielleicht hatten sie eine Spezialhaut, es wirkte auf ihn wie fettes Plastik in wollweißer Farbe. Auf ihrer Körperoberfläche befanden sich viele Kreise oder Scheiben und bei genauerem hinsehen, stellte er fest, dass sie vor Kreisen oder Scheiben nur so wimmelten. Er konnte nicht wissen, dass die Kreise aufschiebbare Deckel waren. Und dass sich hinter jedem Deckel ein Loch befand. Und das jedes Loch eine bestimmte Funktion hatte. Eine rein technische Funktion. Z.B. zur Überprüfung der Körperwärme, des Stickstoffhaushalts, oder der Ventikularflüssigkeit, welche sie brauchten, um nicht äußerlich über eine Nase atmen zu müssen. Die Körperöffnungen dienten auch zur Aufnahme von Nahrung und zum Austausch spezieller Informationen, die sie in den zu den Öffnungen passenden Röhren sammelten, die YouTube genannt wurden, und dazu dienten die Informationen und Botschaften zu sichern und untereinander weiterzugeben. Dieses Röhrensystem in den Körpern der SirianerInnen war im Prinzip wie eine riesige Leihbibliothek oder ein gigantischer lebender Computer, der allen zur Verfügung stand und von jeder Außerirdischen genutzt wurde, um zu kommunizieren. Zusätzlich verfügten sie über weitere Kommunikationsformen- und Mittel.

Erst jetzt fiel ihm auf, dass sie ohne Nasen ausgestattet waren, dass sich aber über dem Auge zwei Kuhlen befanden, aus denen silbrige feine Haare wie Sensoren wuchsen. Diese Silberhaare waren etwa so lange wie die Schnurrhaare am Bart einer Katze. Möglicherweise waren die Kuhlen mit den Haaren so etwas wie Ohren. Falls sie überhaupt welche benötigen, fiel er ins grübeln. Ansonsten war der Kopf frei von jeder Behaarung, was er schade fand, weil doch die Kopfbehaarung von Frauen gegebenenfalls sehr erotisch wirken konnte.

Arme und Hände hatten sie jedenfalls auch, stellte er beruhigt fest, nur dass jede von ihnen vier Arme und vier Hände hatte, anstatt der menschlichen zwei. Dafür waren sie dünner und schlingerten permanent umher, als wollten sie dabei behilflich sein, eine Balance beim rutschen oder gleiten ihres Einbeines zu finden. Es sah lustig und vor allem sehr exotisch aus. Zielgerichtet glitten sie dennoch über die Dachoberfläche des Kunsthauses und kamen ihm immer näher, was sehr komisch aussah, weil sie ihre Körperhaltung der runden Oberfläche des modernen Gebäudes vollkommen anpassten, indem sie sich gleichzeitig aufrecht, das heißt von unten aus gesehen, in einer waagrechten Position zum senkrechten ballonartigen Corpus des Gebäudes hielten. Dies entgegen jeglichen physikalischen Gesetzmäßigkeiten von Schwerkraft.

Auf der senkrechten Glaswand des Eingangsbereichs des Kunsthauses blieben sie immer noch in einer waagrechten Position. Man sollte ein Kunstprojekt daraus machen, kam es ihm in den Sinn, das wäre mal wirklich etwas Feines. Aber das würde von den Grazern wieder niemand verstehen, jedenfalls hatte er den Verdacht, dass die Grazer nicht besonders kunstsinnig seien, was sich in den jahrelang anhaltenden mageren Besucherzahlen des Kunsthauses äußerte. Aber das machte ihm nichts. Denn dort wo Innovation auf Rückständigkeit stieß, lag immer der Segen der konstruktiven Kritik und Auseinandersetzung.

Er schien wie paralysiert bei der Betrachtung der drei Figuren, welche ihm unaufhaltsam, tatsächlich Schleimspuren hinterlassend, entgegenkamen. Die Schleimspur hob sich milchig-weiß vom Blau des Außenmantels des Kunsthauses ab. Hoffentlich ist das wieder abwaschbar, dachte er. Irgendwo in seinem Hinterkopf rührte sich zusätzlich der Gedanke fliehen zu müssen, aber er schaffte es nicht, seinem Gehirn den ausdrücklichen Befehl zu erteilen, seine Beine in Bewegung zu setzen.

Dann spürte er, wie er müde wurde und erinnerte sich an eine kindliche Ohnmacht, damals im Prater in Wien, bei einem Familienausflug, als ihm nach der Fahrt im Riesenkarussell schlecht geworden war. Plötzlich wurde ihm, wie damals, schwarz vor Augen.

Kapitel 2

Als er wieder erwachte fühlte er sich schlecht. Er blickte nach oben und stellte fest, dass er auf dem Rücken liegen musste, da sich über ihm in etwa fünf Metern Entfernung eine nie zuvor gesehene Konstruktion befand, die aus etwas metallähnlichem bestehen musste. Es sah aus wie ein virtuoses Baugerüst unter einer Kuppel, die durchscheinend und lichtdurchlässig war. Vorsichtig versuchte er den Kopf nach links zu bewegen. Er fühlte sich sehr müde und hatte das Gefühl, weit gereist zu sein. Gleichzeitig hatte er das Gefühl sich zu bewegen, oder genauer gesagt, bewegt zu werden, oder bewegt zu sein. Sich von etwas zu entfernen. Doch er wusste nicht, von was er sich entfernte. Er hatte nie in seinem Leben LSD zu sich genommen, konstatierte aber bei sich selbst, dass sich ein Trip wohl so oder ähnlich anfühlen musste. Dann wurde ihm gewahr, dass sich im gleichen Raum grosse Gefäße befanden, die ihn an Glas erinnerten, weil sie durchsichtig waren. Sie sahen aus wie überdimensionierte Glasglocken für Käse. In diesen großen Gefäßen standen längliche Gebilde, die ihn an Truhen oder Särge erinnerten. Er versuchte zu zählen. Es waren mindestens fünf. Dann erst erfasste er, dass er sich selbst in einer Truhe mit Glasglocke  befand. Aber es beunruhigte ihn kaum, als diese Erkenntnis sehr nüchtern, wie durch eine Nebelwand zu ihm durchzudringen vermochte.

Er wusste nicht wo er gelandet war. Alles war anders, war neu und war seltsam für ihn. Der Intendant spürte, dass seine Lebensgeister zu ihm zurück kehren wollten, es kribbelte in seinen Gliedmaßen. Er fasste mit beiden Händen die seitlichen Kanten der Truhe und zog sich langsam in eine aufrechte und sitzende Position, um besser sehen zu können. Ja, es waren fünf Truhen, mit der seinen sechs. Und in jeder Truhe lag etwas oder jemand.

Vielleicht war er doch in einem Kunstprojekt gelandet? Ungewollt. Vielleicht hatte ihm jemand etwas in das letzte Getränk gegeben, das er zu sich genommen hatte. Aber wo hatte er das eingenommen? Wo war er überhaupt Zuhause? Eigentlich konnte er sich gar nicht daran erinnern, wer er eigentlich selbst war. Aber das störte ihn nicht, stellte er leicht irritiert fest. Er hob sein linkes Bein aus der Truhe und ließ sein rechtes Bein folgen. Dann stand er auf und bewegte sich leicht wankend auf die anderen Truhen zu. Es lagen Menschen darin. Sie kamen ihm bekannt vor.

Kapitel 3

Die SirianerInnen waren sich telepathisch einig darüber, dass dieses vor ihnen stehende Objekt etwas „männliches“ sein musste. Denn ein derartiges Wesen hatten sie auf all ihren Reisen und Planetenbesuchen noch nicht gesehen. Einfach unglaublich. Woran sich das „männliche“ verifizieren lassen würde, das würden sie noch genau untersuchen müssen. Nach den Beschreibungen der DelphianerInnen musste es aber genau das sein, was sie suchten und weshalb sie ihre Reise angetreten hatten. Aber zuerst ging es darum, dass Objekt in ihr Raumschiff zu bringen. S1 sendete Ultraschallwellen aus um zu überprüfen, ob das Objekt psychisch stabil und prinzipiell bereit zu einer Hochgeschwindigkeitsreise und auch bereit zu einer Vervielfältigung sei. Nicht alle SirianerInnen verfügten über diese äußerst spezielle BioFemalUltraSchallEinrichtung, die eine sirianische Forscherin konzipiert hatte und die allen interessierten SirianerInnen eingepflanzt wurde, die mit der BFUSE, so das Kürzel, arbeiten wollten. Aber die BFUSE war unbedingt notwendig, um entsprechende Daten zu erfassen, da kein Wesen gegen seinen Willen zu Kopierzwecken verwendet werden sollte.

S1 hatte es zur zweifachen Meisterin im BioFemalUltraSchall-Wettbewerb gebracht, sie war ein Vollprofi in diesen Dingen und liebte ihre anspruchsvolle Arbeit. Nachdem sie das „männliche“ im Vor-Check-Scan unter die Lupe genommen hatte, sendete sie Impulse aus, die als positive Schwingungen von S2 und S3 wahrgenommen wurden. Gleichzeitig öffnete sich der Deckel der Sedationsröhre und ein unsichtbares, sedierend wirkendes Gas trat aus und wirkte auf das vor ihnen stehende Geschöpf wie gewünscht ein. Die Sedation war nötig, um eine eventuell, seitens des Objekts ungewollt auftretende Panik und deren unerwünschte Folgen zu vermeiden. S3 drückte, während das Objekt still vor ihnen verharrte, auf ihren an der Hüfte sitzenden Netzknopf und der Deckel der darunterliegenden Röhre öffnete sich. Nun schoss aus der Röhre in einem schnellen Strahl ein netzartiges Gewebe und umhüllte das Objekt. Eine reine Sicherheitsmaßnahme. S1, S2 und S3 bewegten sich auf das „männliche“ zu und nahmen es gemeinsam in ihre Arme, um es vorsichtig zum Raumschiff zu tragen.

Kapitel 4

Am gegenüberliegenden Ufer der Mur standen die Menschen im Café Schwalbennest und glotzen sich die Augen aus dem Leib, wegen dem unglaublichen Geschehen am anderen Murufer. Einer von ihnen hatte sein Handymat aus der Umhängetasche genommen und filmte damit die Vorgänge vor dem Kunsthaus. Dieser Film konnte jedoch später zu Beweiszwecken leider nie verwertet werden, weil dieses Handymat noch am gleichen Tag von einem Bus überfahren wurde, als die betreffende Person, die es besaß, aus einem PKW ausstieg und dabei das Handymat aus der Tasche fiel. Dies geschah an der Bushaltestelle Keplerbrücke in Richtung Hauptbahnhof während der Abenddämmerung am sechsten August des Jahres 2023.

Die ersten Fledermäuse waren bereits auf der Jagd.

Kapitel 5

Der kleine Planet Siriarius lag in einer abgelegenen Galaxie namens Theatralissaurus und hatte die ungefähre Größe des Erdmondes. Wie bei den meisten Planeten war seine Oberfläche öd und bestand aus zumeist felsigem und grobsandigem Gebiet durchsetzt mit Kratern von Kometeneinschlägen, bis auf die Landebahnen der Raumschiffe, welche gleichmäßig und eben angelegt worden waren. Die unterirdische Stadt in welcher die SirianerInnen lebten, wurde TheaSiriaSaurus genannt. In der Stadt lebten etwa 2000 SirianerInnen und rund 1000 Fremdwesen, die im Laufe der Zeit reproduziert worden waren. Stieg die Summe der Fremdwesen beträchtlich über diese Marke, was zu einer markant duftenden, aber ungünstigen Luftdichte führte, wurden einige Freiwillige der Fremdwesen mit kleineren Raumschiffen, die SaurusLaudaPlane, kurz SLP genannt wurden, auf ihre ursprünglichen Heimatplaneten gebracht, wo sie nach einer geringfügigen Akklimatisationsphase problemlos weiterexistieren konnten.

In TheaSiriaSaurus gab es viele Einzelgebäude in denen die SirianerInnen entweder alleine, zu zweit oder in Gruppen unterschiedlicher Größe lebten. In der Mitte der Stadt stand das Kern- und Prunkstück ihrer Zivilisation, das Institut für angewandte PsiPhysioBioMorphTechnologyForschung mit dem Kürzel IPPBMTF, in dem letztlich alle technischen, chemischen, biologischen, physikalischen und analytischen, ebenso die geisteswissenschaftlichen Errungenschaften der letzten quillionen Jahre entwickelt, verbessert und dokumentiert worden waren. Praktisch alle SirianerInnen arbeiteten dort, hatten aber unterschiedliche Aufgaben und Arbeitsfelder, welche sie sich selbst, ihren persönlichen Neigungen entsprechend, aussuchen konnten. Manche von ihnen arbeiteten auch zusätzlich außerhalb des Gebäudes, weil sie mit Spezialausbildungen ausgestattet, auch als RaumfahrerInnen fungierten und alles erledigten, was mit der galaxianischen Außenwelt und Vermehrung zu tun hatte.

Im IPPBMTF-Gebäude war auch das CIA angesiedelt, das Centrum für IntelligenzAnalyse, ein wichtiges Glied der gesamten Forschungsstation, in der man in Kooperation mit Fremdwesen Intelligenzabfragen- und Analysen vornahm, welche der intrapsychischen Weiterentwicklung der SirianerInnen dienen sollten. Hier waren auch die besonderen Innenausstattungen und alle technischen Geräte der Vermehrungsraumschiffe entwickelt worden. Aber das war in einer anderen Zeit geschehen, als auf dem Nachbarplaneten ein Nahrungsversorgungsengpass aufgetreten war und die DelphianerInnen um Hilfe gebeten hatten.

Das CIA war eines der Hauptgebäude innerhalb der gesamten Forschungsanlage und von gutem Ruf, weil die SirianerInnen an einer seelisch-geistigen Weiterentwicklung wirkliches Interesse hegten und die Ergebnisse ihrer Forschungsarbeit schnellstmöglich der Öffentlichkeit zur Verfügung stellten und zur Anwendung freigaben.

Es gab dort neben den chemisch-physikalischen Laboratorien auch Räume, welche als Schlaflabors ausgestattet waren und in denen man die TelepathieEmotioVektraströme messen konnte, indem bei den SirianerInnen zwei Sonden in die Röhren der Brustbalken eingeführt wurden und die Ergebnisse der Messung auf dem EmotioVitaScan-Bildschirm angezeigt und ausgewertet wurden.

In den Brustbalken der SirianerInnen befand sich der Sitz der Emotionalität und die SirianerInnen legten großen Wert darauf, den Zustand ihrer eigenen Emotionalität, aber auch den von kooperierenden Fremdwesen zu erforschen.

Kapitel 6

Der Intendant des Kunsthauses fühlte sich schockiert. Er kam sich vor wie in einem Spiegelkabinett. Vor ihm, in den fünf Truhen, lagen fünf exakt identische Intendanten des Grazer Kunsthauses und betrachteten ihn. Ja, Graz. Graz und das Kunsthaus. Irgendetwas hatte er damit zu tun, konnte sich aber nicht mehr erinnern, wieso ausgerechnet das Wort Graz ihm bei der Betrachtung seiner Spiegelbilder in den Sinn kam. Er sprach es laut vor sich hin: Graz, Graz, Graz. Und beobachtete dabei, wie sich die Münder der fünf Intendanten ebenfalls bewegten und das Wort Graz aussprachen. Er wiederholte das Wort noch einmal (sie taten es auch) und er (und sie?) versuchten einen Sinn oder Zusammenhang darin zu erkennen.

Graz, Graz, Graz. Das Wort erschien im leer und inhaltslos. Er wusste gar nicht, was es bedeutete, es war nur irgendein Erinnerungsfetzen. Dann spürte er, dass er in der Truhe lag, er spürte es gleich fünffach, sechsfach und vor den fünffachen Intendanten stand ein sechster Intendant und schaute in die Truhen. Auch das spürte er und er spürte es von allen Seiten und aus allen Blickwinkeln, die alle verschieden waren und aus einer fünffachen liegenden Position herrührten. Er spürte sein Herz, das sechsfach pochte und an allen sechs Intendanten sah man, wie sich die Halsschlagader wild auf- und nieder bewegte. Das heißt, man hätte es sehen können, hätte man sich ebenfalls in dem Raumschiff befunden. Aber im Moment sah es nur der sechsfache Intendant aus seinen sechs Augenpaaren heraus, mit stark geweiteten Pupillen und es sahen S1 und S2 und S3, für den Intendanten jedoch unsichtbar.

Sie standen hinter einer Spiegelglasscheibe auf der anderen Seite, außerhalb des Raums, indem sich der sechsfache Intendant und die sechs Glasinkubatoren mit den offenen sechs Schiebetüren aus Glas, sowie die sechs Liegetruhen befanden, von der die eine herrenlos und verwaist war, weil der wahre Intendant schon daraus aufgestanden war. S1 und S2 und S3 beobachten mit ihren Zyklopenaugen, wie auch die anderen Intendanten aus ihren Liegetruhen stiegen und damit begannen den Raum, in dem sie sich befanden, näher zu inspizieren. Die sechs Intendanten, die das „männliche“ für die Außerirdischen repräsentierten, stellten sich im Kreis sich selbst gegenüber und glotzten sich an. Dann berührten sie gegenseitig ihre Gesichter, strichen sich durch die Haare, und überprüften sich auf ihre Lebendigkeit hin. Nachdem dieser Vorgang abgeschlossen war, durchwanderten sie den Raum und jeder von ihnen untersuchte den Raum, schaute hier hin und dort hin, berührte die umher stehenden Dinge und Geräte. Manchmal bewegten sich gleichzeitig ihre Münder, aber was sie sagten, schien mit ihren Handlungen nicht synchron zu laufen, weil jeder von ihnen etwas anderes tat, aber ihre Mundbewegungen von den Mundbewegungen des ursprünglichen und wahren Intendanten vorgegeben wurden.

In dem Raum, indem sich die sechs Intendanten befanden, äußerte sich das folgendermaßen: der wahre Intendant sagte laut vor sich hin „Ich denke, darum bin ich“. Dabei hielt er sich beide Hände an die Schläfen, um sich auf die auszusprechenden Worte und ihren Inhalt zu konzentrieren. Die anderen fünf Intendanten sprachen zeitgleich die gleichen Worte wie im Chor, hielten sich dabei aber alle fünf die Ohren zu, als ob sie nicht hören und wahrnehmen wollten, was sie da sprachen. Der Intendant dachte: ich denke, also muss ich sein. Aber wieso muss ich sechsfach sein? Und wieso halte ich mir die Ohren zu, während ich mir gleichzeitig an die Schläfen fassen kann? Es schien ihm ein philosophisches Problem, welches nicht bis an seine Grenzen ausgelotet worden war. Es war das Phänomen der Parallelwelt, das sich ihm nun unter sehr persönlichen Blickwinkeln erstmals in seinem Leben erschloss.

Der vierte Intendant dachte bei sich: ich denke, es ist gut, dass es mich noch fünfmal gibt. Da bin ich nicht so alleine. Der sechste Intendant dachte bei sich: sehe ich wirklich so aus, wie ich aussehe? Da es mich sechsmal gibt, könnte es ja auch sein, dass mich meine Wahrnehmung sechsmal trügt und ich in Wirklichkeit ganz anders aussehe, denn eigentlich habe ich immer gedacht, dass es mich nur einmal gibt. Eigentlich habe ich gedacht, dass ich einzigartig bin.  Und was ist eigentlich, wenn ich pinkeln muss, müssen dann die Anderen auch pinkeln? Der zweite Intendant dachte bei sich: warum laufen hier lauter Typen rum, die genauso aussehen wie ich? Der fünfte Intendant dachte bei sich: Warum schaue ich mich immer so seltsam an und denke solche seltsame Gedanken? Der dritte Intendant dachte bei sich: Ich denke, darum bin ich. Ich bin mir aber dennoch nicht ganz sicher dabei. Der wahre Intendant dachte bei sich: irgendetwas stimmt hier nicht. Erstens weiß ich gar nicht, wer ich eigentlich bin.

Zweitens weiß ich nicht, wo ich herkomme. Drittens weiß ich nicht, ob es nicht noch mehr von meinen Ichs gibt und ob das etwas verändern würde. Viertens wäre zu klären, ob meine anderen Ichs immer das gleiche tun werden wie ich. Fünftens möchte ich langsam mal wissen, wo ich überhaupt bin. Und sechstens möchte ich wissen, ob das alles jemals wieder aufhört. Der vierte Intendant fragte sich, ob seine anderen fünf Ichs immer das gleiche wie er selbst, zur gleichen Zeit tun würden.

Zeitgleich fragte sich der zweite Intendant, wo er eigentlich hergekommen war. Der sechste Intendant befasste sich mit der Frage, ob jemals alles wieder aufhören würde, während es den fünften interessierte, wo er überhaupt war. Ob es noch mehr von den Intendanten gab, als diese sechs anwesenden Exemplare, war der Gedanke des dritten Intendanten. Aber in seinem Kopf wirbelten auch gleichzeitig die Gedanken der Anderen, wie in einer Endloswiederholungsschleife herum und er versuchte die Gedanken voneinander zu trennen. Jeder von ihnen versuchte die Gedanken der anderen von den eigenen zu trennen. Aber es ging zu schnell und es war zu verwirrend, weil alles wie in einer einzigen Gedankensuppe verschwamm. Gleich würde er durchdrehen. Er spürte es ganz deutlich in sechsfacher Ausfertigung, der bitteren Erkenntnis nicht mehr er selbst zu sein und der Resonanz aus seiner Angst, dem Wahnsinn zu verfallen. Mit Schweißperlen auf jeder Stirn stand er da, vollkommen verwirrt und dachte: Ich denke, darum drehe ich durch, weshalb ich bin. Ich denke, ich drehe durch, deshalb bin ich, ich bin, bin ich, drehe durch, weshalb – deshalb, denke, drehe, ich, waren seine letzten Gedanken und eine vollkommen dichte und gnädige Schwärze legte sich über seinen Geist.

Kapitel 7

Am siebten August des Jahres 2023 entnahm die Präsidentin des „Österreichischen Kulturvereins Traditional“ dem Briefkasten ihres Wochenenddomizils, in dem kleinen und beschaulichen Ort Radochen, inmitten der südsteirischen Weinstraße, die Grosse Zeitung. Die Schlagzeile verkündete, dass der Intendant des Kunsthauses Graz am Vortag von einem UFO entführt worden war. Die Präsidentin des „Österreichischen Kulturvereins Traditional“ seufzte laut, während sie das Titelblatt der Zeitung, zur Küche schlendernd, eilig überflog. Sie schob sich ihre Lesebrille auf der Nase zurecht, mit der sie wie eine Oberstudienrätin wirkte. Dann dachte sie erleichtert: endlich.

Etwas später, nach dem Frühstückstee, würde sie das Skulpturenmuseum im Ort, das vor vielen Jahren aus einem ehemaligen Schweinestall entstanden war, aufsuchen, und den dort ansässigen Künstler, der sie in seiner einzigartigen Arbeit an den Jahrhundertkünstler Egon Schiele erinnerte, dazu inspirieren, einige Skulpturen zu diesem Vorfall und zum Thema Außerirdische zu entwickeln.

Kapitel 8

Das „männliche“ sah in den Augen von S1 und S2 und S3 momentan sehr verwirrt und jämmerlich aus und die drei Damen vom All gerieten in Besorgnis, was sich am leichten flimmern der Flimmerhärchen in ihren Hörmuscheln zeigte. Ein derartiges Verhalten von Agitatio hatten sie bislang von kopierten Fremdwesen noch nicht beobachten können. Die kopierten Fremdwesen waren normalerweise exakte Kopien und verhielten sich ruhig. Das hieß, dass eine Kopie der anderen glich, sowohl im Aussehen als auch im Verhalten. Die Kopie eines Fremdwesens war normalerweise nur durch ein einziges Merkmal unterscheidbar, weil das Original bei der ersten Entnahme der Gewebeprobe zeitgleich eine NK, also eine kleine NummernKugel von 5mm Durchmesser mit allen Daten zur Registrierung und Wiedererkennung implantiert bekam.

S1 und S2 und S3 registrierten die wild umher schießenden Gedanken des „männlichen“. Sie tauschten Blicke und teilten sich telepathisch mit, dass es vielleicht besser wäre, den sechsfachen „männlichen“ erneut zu sedieren, bis sie Siriarius erreicht haben würden. S1 nahm die typischen Anzeichen einer bevorstehenden Psychose beim „männlichen“ wahr, welche durch den Schock bei der Entfernung von seinem Heimatplaneten ausgelöst worden sein musste und teilte ihre Wahrnehmung S2 und S3 telepathisch mit. Ebenso die Empfehlung, ihn so schnell wie möglich ruhig zu stellen bis sie gelandet waren. Dann würde man ihn ins Schlaflabor bringen und ihm mittels Teleoneirologie schonend beibringen, dass er sich nun auf dem Planeten Siriarius befand. Später würde er zu weiteren Kooperationen bereit sein und sich näher ergründen lassen.

Die Sedationsdüsen öffneten sich.

Kapitel 9

Im Institut für angewandte PsiPhysioBioMorphTechnologyForschung mit dem Kürzel IPPBMTF herrschte reges Treiben, denn man erwartete die Heimkehr von Flug Gemma!-007. Die Vorbereitungen für die Übernahme des Fremdwesens, das noch vorläufig als das „männliche“ bezeichnet wurde, liefen kontinuierlich und zielführend.

Man hatte in der Unterabteilung des CIA, dem Gebäude das man als interstellare Hochschule definieren könnte, im obersten Stockwerk des FemalBureauIntelligencia mit dem Kürzel FBI, eine großzügige Wohneinheit für das „männliche“ eingerichtet, die den studierenden SirianerInnen soviel Einblick wie möglich in seine Verhaltens- und Denkweisen ermöglichen sollte. Der Raum war rund, weitläufig und hatte Fenster und Türen aus ChewGumSand, welche elastisch und unzerbrechlich waren. Genau in der Mitte des Raumes befanden sich sechs Betten, welche sehr ästhetisch und strahlenförmig zueinander angeordnet waren. An der runden Wand stand der Mindkonverter, ein Gerät welches die gegenseitige Verständigung erleichtern sollte, indem sich beide Parteien zeitgleich an das Gerät andocken konnten, in dem sie eine entsprechende Haube mit einigen Kabeln daran, aufsetzten, die wiederum mit dem Mindkonverter verbunden waren. Dann fand der Gedankentransfer statt. Das besondere am Mindkonverter war, dass während des Gedankentransfers gleichzeitig und unmerklich ein Sprachenlernprogramm mitlief, welche es beiden Seiten ermöglichte, die Sprache des anderen zu verstehen, zu speichern, umzuwandeln und auch selbst anzuwenden. Schon nach fünf Sitzungen konnte man sich problemlos unterhalten, indem man einfach dachte, was man dachte.

Eine Kabelhaube lag neben dem Mindkonverter in dem Raum, welcher das neue Zuhause vom „männlichen“ werden sollte. Die zweite Haube lag außerhalb des Raumes auf einem Podest und wartete darauf von den Studierenden benutzt werden zu dürfen. In der Halle, welche um den runden Raum konstruiert war, standen viele Bildschirme, die wiederum mittels Routern mit dem Mindkonverter verbunden waren. Für den Fall, dass die beiden miteinander kommunizierenden Mindkonverterbenutzer es erlaubten, dass auch Andere ihren Gedankenaustausch miterleben dürften, konnten die Bildschirme eingeschaltet werden und der Gedankenaustausch wurde in Form einer extrem schnellen Bildfolge, ähnlich wie bei einem Film, auf den Bildschirmen sichtbar.

Doch von all dem wusste der Intendant noch nichts. Aber es war die Erklärung dafür, dass die SirianerInnen keine menschlichen Münder mit Lippen und einer Zunge benötigten.

Kapitel 10

Der Intendant erwachte auf dem Planten Siriarius, in der Galaxie Theatralissaurus, in einem Schlaflabor. Vor seinem Bett, in dem er lag, standen Geräte, an denen Bildschirme angeschlossen waren, die man an der Decke des Raumes montiert hatte. Er stellte fest, dass er selbst verkabelt worden war, denn aus seiner Brust „wuchsen“ Kabel. Ein schräger Blick nach vorne hin zu seiner Brust, ließ ihn erkennen, dass man ihm Röhren implantiert hatte. In den Röhren steckten Sonden, in denen wiederum Kabel installiert waren, welche zu den Geräten und Bildschirmen führten.

Die Wunden waren gut verheilt. Wie lange mochte er hier schon liegen? Und befand er sich im LKH, das ohne sein Wissen komplett modernisiert worden war? Das Wort LKH war ihm fremd, er wusste nicht, wieso es ihm überhaupt in den Sinn gekommen war. Es war ein Wort, das ihn an etwas erinnerte, was sehr lange Zeit zurück zu liegen schien und es hatte mit Körper und Wunden und mit in weiß gekleideten Personen zu tun. An mehr konnte er sich für den Moment nicht erinnern. Aber das alles viel moderner war, als sonst in – der Name des Landes, in dem er eigentlich lebte, fiel ihm nun auch nicht mehr ein.

Er fühlte sich etwas schwach und auch hungrig, während er seine Blicke durch den Raum gleiten ließ. Dabei stellte er fest, dass er nicht mehr das Gefühl hatte, irgendwie geteilt zu sein. Es kam ihm vor, als habe er einen schrecklichen Traum gehabt, nicht mehr der zu sein, der er einst war. Und in diesem Traum hatte es Gestalten gegeben, die ihm unglaublich ähnlich waren, Spiegelbilder seiner selbst, an deren Existenz er kein Interesse hatte.

Es war ihm bewusst, dass er sich in einer Forschungsstation befand und das es hier viele MitarbeiterInnen gab, die ein überaus seltsames Äußeres hatten, aber sie waren sehr freundlich. Nur wortkarg. Aber das störte ihn nicht, weil ihm die Fähigkeit schweigen zu können, nicht unsympathisch war. Er wusste, dass er zu einem speziellen Forschungsprojekt eingeladen worden war, bei dem es darum ging, die unterschiedlichen Denkstrukturen von Frauen und Männern zu erforschen. Ein uraltes Thema – und scheinbar schien es immer noch nicht vollends geklärt, warum Denken und sprachlicher Ausdruck zwischen den Geschlechtern unterschiedlich ausgebildet waren und häufig auch zu diffizilen Kommunikationsschwierigkeiten führten. Er freute sich auf die Kooperation mit den Damen und war zuversichtlich, dass er bei der Forschungsarbeit eine maßgebliche (einzigartige?) Hilfe würde sein können. Soweit er darüber informiert worden war, gab es derzeit nur ihn, als männliches Exemplar, das an dem Projekt teilnahm und es war ihm eine Ehre, auserwählt worden zu sein.

Kapitel 11

Die Studierenden standen vor den Bildschirmen. Sie erhielten die Signale von M1, dass er sich wohlfühlte. Das zeigte sich in einem Bild, dass M1 zeigte, der von warmen gelben und orange-roten Farbtönen umgeben war, wie eingepackt in Wattewolken und er lächelte und lächelte, während er leichte UK-Wellen aussandte, die am Bildschirm als dünne, fließende Fäden erkennbar waren. Die SirianerInnen freuten sich mit ihm und tauschten Blicke untereinander. In kurzer Zeit würden sie direkt mit ihm kommunizieren können, mittels des Mindkonverters. Sie waren voller Vorfreude und Neugierde, welche Einsichten und Erkenntnisse es ihnen bringen würde.

Am Bildschirm erschien nun ein Bild von Fremdwesen, die M1 von daher ähnelten, dass sie prinzipiell eine physiognomische Gestalt wie das „männliche“ besaßen, aber sie verfügten ihm Gegensatz zu den SirianerInnen über getrennte Brustbalken. Dort, im Bereich der Brustbalken, in der oberen Hälfte ihrer Lebensmasse, hingen unterschiedlich große Kugeln und schwabbelten mehr oder weniger umher. Auf der farblich abgesetzten Definitionsschiene im unteren Bereich des Bildschirms erschien eine Buchstabenkombination, die einen Gedankenfetzen von M1 aufgefangen hatte.

Die Studierenden lasen den ihnen fremden Begriff, er lautete  „Müttergesellschaft“, worunter sie sich nichts vorstellen konnten. Auf dem Bildschirm sah man nun M1, aber er war viel kleiner als in seiner momentanen Gestalt und seine Züge wirkten unausgereift, im Kreise war er von diesen mit Kugeln behafteten Fremdwesen umgeben und sie berührten ihn zärtlich, nahmen ihn auf ihre Arme, reichten ihn vorsichtig herum, von Fremdwesen zu Fremdwesen und drückten ihr Gesicht an das seine. Darauf hin sandte M1 auf dem Bildschirm eine Menge UK-Wellen aus und der Kreis von Fremdwesen tat es ihm gleich.

Die Studierenden konnten beobachten, wie die feinen fadenähnlichen Wellen wohlwollend zwischen den Fremdwesen hin- und her flossen. Dann erschien ein neuer Begriff im unteren Teil des Bildschirms und er lautete „Geborgenheit“. Abrupt wurden das Bild und der Begriff unterbrochen und ein neues Bild erschien. Man konnte das Meer sehen, was für die jungen SirianerInnen vollkommen neu war, weil es in der ihnen bekannten Galaxie weit und breit kein Wasser gab. Das Meer war aufgewühlt und die Wogen wurden vom Wind hoch aufgepeitscht. Inmitten der Wellen schaukelte hilflos etwas umher, dass wie eine kleine Schale aussah, indem sich M1 befand, nun wieder in seiner derzeitigen Gestalt und laut um sich schrie. Dann wechselte das Bild erneut und die SirianerInnen sahen, wie M1 mit einem dicken, fadenähnlichen Gebilde aus der kleinen Schale gezogen und auf etwas gehoben wurde, dass wie eine große Schale aussah. Auf dieser großen Schale liefen weitere Fremdwesen mit geteilten, bekugelten, wabbelnden  Brustbalken umher und umhüllten M1 mit etwas, dass eine zweite Haut sein musste, aber viereckig und sehr flexibel war. Damit hüllten sie ihn ein. Wieder lächelte M1auf dem Bildschirm und war offensichtlich glücklich, während er heftig zitterte und UK-Wellen aussandte.

Die SirianerInnen glaubten zu verstehen. Aus diesen wenigen Bildern schlossen sie, dass es auf dem Planeten, von dem das Fremdwesen M1 ursprünglich stammte, eine große Menge an Fremdwesen gab, die mit geteilten, wabbelnden Brustbalken ausgestattet und für Geborgenheit zuständig waren und deren wichtige Aufgabe es war, Fremdwesen wie M1 in einen Zustand des Glücks zu versetzen.

Die Studierenden öffneten ihre MindkonverterRöhren, entnahmen die entsprechenden YouTubes und führten sie nacheinander in den dafür vorgesehenen Übertragungsschacht unterhalb der Bildschirminstallation ein. Nachdem die Übertragung stattgefunden hatte, eilten sie in alle Richtungen davon, um mit ihren MentorInnen und MitbewohnerInnen die Neuigkeiten zu teilen.

Kapitel 12

S1 war zufrieden mit ihrer Arbeit. Das „männliche“ hatte sich psychisch vollkommen stabilisiert und den Rest des interstellaren Raumflugs mit dem Raumschiff Gemma!-007 bestens überstanden. Nach der Ankunft auf Siriarius in der Stadt TheaSiriaSaurus war die fünffache Vervielfältigung plus Original direkt ins Schlaflabor gebracht worden. Aus Sicherheitsgründen hatten sich die SirianerInnen überlegt, dass es besser sein würde, das Original von den Kopien vorerst in getrennten Räumen unterzubringen, um das „männliche“ vor einem weiteren CopySchock, kurz CS genannt, also einem Vervielfältigungsschock mit unabsehbaren Folgen, zu bewahren. So lagen die Kopien und das Original des Intendanten in sechs voneinander getrennten, identisch ausgestatteten Schlaflabors.

Im Schlaflabor hatte man dann eine kleine Operation an dem „männlichen“ Original vorgenommen, um ihm bei Bedarf durch implantierte YouTubes die TelepathieEmotioVektraströme von SirianerInnen einfließen lassen zu können, damit sich sein Verständnishorizont jederzeit würde erweitern lassen. Außerdem würden sie durch die YouTubes ebenso seine emotionale Verfassung messen und aufzeichnen können. Am EmotioVitaScan-Bildschirm war er bereits angeschlossen und der Scan verzeichnete keine Anomalien. Man konnte also davon ausgehen, dass er den Teleoneirologischen Datentransfer gut verarbeitet hatte und zur Kooperation bereit war. Man würde das „männliche“ bald in seinen neuen Lebensraum verlegen können. Es war lediglich eine weitere Teleoneirologische Übertragung notwendig, welche ihm die Informationen übermitteln würde, dass es neben dem Original noch fünf weitere „männliche“ Kopien seiner selbst gab, welche mit ihm identisch waren. Aber das sollte das „männliche“ nicht beunruhigen und irritieren, es sollte für ihn eine Selbstverständlichkeit sein und deswegen hatte man sich entschlossen, den Datentransfer in mehreren Etappen vorzunehmen.

Im Vorstand der Forschungsgesellschaft für InterstellareAnalytischeAnatomie, kurz IAA genannt, welche im CIA beheimatet war und dessen Vorstand auch die Außerirdische S1 angehörte, hatte man entschieden, dem „männlichen“ einen Namen zu geben.

Kapitel 13

Am 23. Dezember des Jahres 2023 las die Präsidentin des „Österreichischen Kulturvereins Traditional“ während des Frühstücks die neuste Ausgabe der Tageszeitung „Täglich“. Man spekulierte auf Seite 23 darüber, ob der Intendant des Kunsthauses Graz noch am Leben sei, wenn ja, in welchem Zustand er sich befand und ob die Außerirdischen ihn gut behandeln würden.

Um die Auflage zu steigern, hatte man die LeserInnen dazu aufgefordert, fantasievolle Szenarien zu entwerfen und schriftlich bei der Redaktion einzureichen. Die LeserInnen sollten sich Gedanken dazu machen, unter welchen Umständen der Intendant nun existieren würde und unter welchen Bedingungen seine Rückkehr stattfinden könnte, falls sie stattfinden würde.

Der Aufruf wurde von der Bevölkerung gut aufgenommen und in der aktuellen Ausgabe, war neben dem Foto einer süßlich posierenden, österreichischen Nackten mit hübschen Apfelbrüstchen, ein Artikel einer schreibwütigen Frau zu lesen, welche sich das originelle Szenario ausgedacht hatte, dass vorsah, der Intendant sei von rein weiblichen Außerirdischen entführt worden, auf deren Planeten es ebenfalls nur rein weibliche Außerirdische gab und deren Anliegen es war, einerseits Männer und ihre Denkstrukturen zu erforschen. Und andererseits war in dem Artikel davon die Rede, dass die Außerirdischen über eine gut ausgereifte Technik verfügten, Menschen zu klonen.

Die Präsidentin des „Österreichischen Kulturvereins Traditional“ dachte bei sich: Was für ein Quatsch!

Kapitel 14

Manohman1, wie der Intendant nun hieß, wachte gestärkt auf. Er wusste, dass heute der Tag war, an dem er mit seinen weiteren Persönlichkeitsanteilen, M2, M3, M4, M5 und M6 zusammentreffen würde und er freute sich schon sehr darauf, sie wiederzusehen und mit ihnen gemeinsam in ihrer Wohnung im Forschungsinstitut leben zu dürfen. Die S´lerInnen mit den vielen unterschiedlichen Nummern, welche an ihren langen Hälsen eintätowiert waren (was ihn an irgendetwas erinnerte was mit dem Buchstaben J und H zu tun hatte und auch mit den Buchstaben Ö und D, auf das er sich jedoch absolut keinen Reim machen konnte, weil ihn die Erinnerung permanent im Stich ließ), waren so freundlich zu ihm. Er hatte davon geträumt, dass er mit Ihnen auf einem Planeten leben würde, der weit von demjenigen entfernt lag, von dem er ursprünglich stammte. Wie es dort gewesen war, wusste er nicht mehr, aber er war sich sicher, dass es ihm hier an nichts fehlen würde. Bis auf etwas, das mit dem Buchstaben K begann.

Er hatte sich bereits daran gewöhnt, dass es hier üblich war, wortlos zu kommunizieren und das kam ihm sehr entgegen, weil er selbst gar nicht so gerne redete. Schon gar nicht laut und noch viel weniger vor Publikum. Sie hatten hier ganz tolle Geräte, in die längliche Dinge reingesteckt wurden, von denen er noch nicht wusste, wie sie hießen. Aber sie schienen multifunktional zu sein, jedenfalls kamen sie bei den S´lerInnen ständig zum Einsatz. Mit ihren vier Händen hantierten sie ständig mit diesen Dingern und schoben sie in ihre Körperöffnungen und holten sie wieder heraus und tauschten sie untereinander aus. Er selbst hatte nun ebenfalls zwei neue Körperöffnungen, er fühlte sich den S´lerInnen dadurch sehr zugehörig und fand diese ganz wunderbar, weil er nach einer Behandlung, bei der diese Dinger – YouTubes – schoss es ihm plötzlich durch den Sinn, zum Einsatz kamen,  ja, weil er sich dann immer besser fühlte, wie angespeist mit einer irgendwie unweltlichen (kosmischen?) Energie und wichtigen Informationen, die ihm dabei halfen, sein Leben und seine neuen Aufgaben besser zu verstehen. Es schien ihm selbstverständlich und folgerichtig, dass es nur weibliche Wesen gab, auch wenn diese komplett anders aussahen, als er selbst und an menschliche Geschöpfe nur entfernt erinnerten – eigentlich sahen sie wie eine komplett neue Spezies aus – aber das war gut so, denn es gab hier scheinbar niemanden, mit dem er um ihre Aufmerksamkeit ringen oder buhlen musste. Und in seinem alten Leben, von dem er ja nicht mehr wusste, wann, wo und wie es stattgefunden hatte, war ihm niemals soviel weibliche Fürsorge, Interesse und Aufmerksamkeit entgegengebracht worden. Er dachte bei sich, es ist eine ideale Müttergesellschaft. Wobei ihm das Wort Müttergesellschaft sehr fremd vorkam und er nicht wusste, woher er es hatte, wieso es in seinem Kopf war. Ich fühle mich hier gut aufgehoben, dachte er, geborgen irgendwie, als hätte man mich aus einer Seenot in stürmischer See gerettet.

Kapitel 15

S1 hatte mit den Vorstandsmitgliedern der Forschungsgesellschaft für InterstellareAnalytischeAnatomie festgelegt, dass sie, S1, die erste SirianerIn sein sollte, welche in offiziellen SprachenLernKontakt mit Manohman1 treten sollte, da sie alle dafür notwendigen Ausbildungsmodule mit hervorragender Auszeichnung abgeschlossen hatte.

Sie freute sich sehr auf diese besondere Aufgabe und fühlte sich gut vorbereitet. Der EmotioVitaScan hatte ihre ausgezeichnete Verfassung einwandfrei bestätigt.

In der Vorstandssitzung war festgelegt worden, dass man, nachdem grundlegende Kommunikationsschwierigkeiten aus dem Weg geräumt sein würden, sich besonders der Frage widmen wollte, wie die Vervielfältigung der Fremdwesen auf diesem anderen, für sie bislang unbekannten Planeten, vonstatten ging. Welche Technologien es dafür gab und ob man mit den Ergebnissen zufrieden war. Ebenso sollte eine Evaluierung darüber stattfinden, wie das Zusammenleben der Fremdwesen auf diesem Planeten ablief, welche Schwierigkeiten es gab und wie man mit diesen Schwierigkeiten umging und welche Technologien dafür entwickelt worden waren, um Probleme zu erkennen, zu analysieren und sie adäquat zu behandeln.

Die erste SprachenLernKontaktSitzung würde in Kürze erfolgen. Alle SirianerInnen befanden sich deshalb in großer Aufregung und Vorfreude. Das ganze Gebäude des Instituts für angewandte PsiPhysioBioMorphTechnologyForschung war bevölkert mit schaulustigen SirianerInnen, welche die Übertragungen auf den im Gebäude dafür zusätzlich installierten Bildschirmen, so direkt und nah wie möglich mit verfolgen wollten.

Kapitel 16

M1 betrat sein neues Zuhause. Es war ein großer und heller Raum, mit Fensterscheiben und vielen Schiebetüren aus einem glasähnlichen Material. In der Mitte des Raums standen sechs Betten, die strahlenförmig zueinander angeordnet waren. Fünf dieser Betten waren belegt mit Artgenossen, welche exakt identisch aussahen wie M1und herum saßen oder lagen. Es wunderte ihn nicht, sie zu sehen. Im Stillen begrüßte er sie, machte sich aber nicht die Mühe den Mund zu öffnen, weil er davon ausging, dass sein Gruß in jedem Fall auch so ankommen würde.

M2 dachte, da ist er ja endlich. Ich kann ihn nicht leiden, den alten Streber.

M3 dachte, ob er anders behandelt wurde als wir? Er hat zwei Röhren.

M4 dachte, man hat ihm etwas eingepflanzt, das wir nicht eingepflanzt bekamen. Gemeinheit. Immer will er der Bessere sein und wird bevorzugt.

M5 dachte, hoffentlich wird er nicht wieder durchdrehen.

M6 dachte, nun sind wir ja endlich komplett! Aber S1 will ich für mich haben.

M1 dachte, S1 lass ich mir nicht mehr nehmen, sie hat mich die ganze Zeit über bestens betreut und ich könnte mir gut vorstellen, eines Tages mit ihr interstellaren Sex zu haben. Ich werde M6 einfach eine runter hauen.

Im Kontrollzentrum leuchtete die Kontrollanlage der CTM, der ControllTelepathieMachine auf.

Im CIA begannen fast zeitgleich die Sirenen zu heulen.

S1 machte sich sofort auf den Weg ins Kontrollzentrum. Ihre Flimmerhärchen in den Hörmuscheln stellten sich senkrecht auf. Das taten sie nur wenn Gefahr im Verzug lag. Augenblicklich wimmelte es in den Gängen des Gebäudes von Studierenden, AbteilungsleiterInnen, ForscherInnen und sonstigen MitarbeiterInnen und Interessierten, welche sich fragten, was den Alarm ausgelöst haben könnte und denen S1 aber geschickt ausweichen konnte. Telepathisch empfingen sie alle von S1 den Impuls, „das „männliche“ ist nicht Eins, ist nicht Eins. Alarm“.

S1 erreichte das Kontrollpult mit dem Bildschirm, welcher die aktuellen Analysen des EmotioVitaScans von M1 lieferte, die automatisch und permanent übertragen wurden. Es war deutlich zu erkennen, dass seine Gedanken und Gefühle erneut durcheinander geraten waren. Sie empfing die Botschaft von S2 und S3 „Alte Struktur bricht durch. Gefahr, Achtung, grosse Gefahr!“ Sie kannten ihn mittlerweile ebenso gut wie S1.

S1 überlegte, ob es besser sei, das „männliche“ und seine Kopien sofort zu sedieren und später einem erneuten Teleoneirologischen Datentransfer zu unterwerfen, oder ob es besser wäre, sich direkt mit ihm in einer unangemeldeten und von oben nicht abgesegneten IOC, der InterventionOfCrisis auseinander zu setzen und ihn an den Mindkonverter anzuschließen, ohne, dass bisher eine erste SprachenLernKontaktSitzung stattgefunden hatte. Es war ein großes Risiko.

Scheinbar war etwas bei dem letzten Datentransfer nicht richtig übermittelt worden. Oder das Fremdwesen sträubte sich auf einer tiefen, bisher nicht ermittelbaren Ebene, die ihm übermittelten Daten, dass er nun Eins sei, auch wenn es fünf Kopien von ihm gab, zu akzeptieren. Die Kooperation war gefährdet, das ganze Projekt war gefährdet. Sollte sie sich erst mit dem Vorstand beraten? Noch während dieses Gedankens machte sie sich auf den Weg zum Mindkonverter und bemühte sich darum, ihre Entscheidung M1-M6 und dem Vorstand vorab telepathisch und telematisch zu übermitteln.

Kapitel 17

M5 dachte, sie will uns an den Automaten anhängen. Gibt es hier Kaffee?

M2 dachte, das sind ja Zustände wie bei Huxley.

M1 dachte, schöne neue Welt.

M6 dachte, ich bin bereit, jetzt komme ich ihr endlich näher.

M3 dachte, vielleicht erfahr ich dabei endlich, wie es in ihr aussieht, wie sie mich findet und wie sie sich Sex vorstellt.

M4 dachte, echt tolle Übertragungsrate, wie machen die das!? Letztendlich hat aber doch alles mit Shakespeare angefangen.

S1 hatte den Mindkonverter erreicht. Die Bildschirme im gesamten Gebäude waren von aufgeregten SirianerInnen bevölkert. Der Vorstand hatte zu diesem Experiment telepathisch und telematisch sein Okay gegeben, aber ausdrücklich darauf hingewiesen, dass es nur ein Experiment sein dürfe und man eingreifen würde, sollte es an einer Stelle plötzlich aus dem Ruder laufen. Es würde nun ganz auf sie ankommen. S1 konzentrierte sich.

Sie stand vor dem Mindkonverter und hoffte darauf, dass der SprachenLernKontaktModus richtig eingestellt war, schließlich hatte sie es nicht mehr überprüfen können und sie spürte, dass M1-M6 sich in einem teils widersprüchlichen EmotioZustand mit ungewissem Ausgang befanden. Sie zog sich die Übertragungshaube über den Kopf und drehte mit ihrer zweiten rechten Hand den Startknopf auf GO!

M3 dachte, nun zeig mal, was du drauf hast, Püppchen.

M1 dachte, ich werde ihr zeigen, was es heißt ein Intendant und männlich zu sein. (Obwohl beide Begriffe für ihn ihre Bedeutungen verloren hatten).

S1 erhielt auf dem Bildschirm telematisch die Information: Achtung, akuter Widerstand, akuter Widerstand! M1-M6 nicht kooperativ! Nicht kooperativ!

M4 dachte, diese Technik ist wirklich einzigartig, nur komisch, dass sie das ohne Männer hingekriegt haben.

M2 dachte, ich hätte Huxley genauer lesen sollen.

M5 dachte, Automatenkaffee ist Automatenkaffee, ist Automatenkaffee.

M6 setzte sich an den Mindkonverter und stülpte sich die Haube über den Kopf.

Und dann explodierte sein Verstand.

Und der Verstand von M1, M2, M3, M4 und M5 und S1.

Eine übermächtige Bilderflut schoss durch die Gehirne aller Beteiligten.

S1 empfing am Bildschirm die Botschaft, „ das Wunder der Liebe“. Und dann ging es los.

Sie sah zwei Fremdwesen und eines davon war das „männliche“. Beide Fremdwesen lagen dicht beieinander und waren miteinander verschlungen. Das zweite Fremdwesen hatte anstatt eines einzigen Brustbalkens einen getrennten Brustbalken mit hin- und her wackelnden runden Teilen, in deren Mitte ein Knopf zu sein schien, mit dem man einen Impuls auslösen konnte. Auf dem Bildschirm erschien eine Zeichnung von Da Vinci, auf der man die runden Teile sah, von denen zwei Linien zu einem Dreieck weiter unten in der Lebensmasse des Fremdwesens führten. Dort unten explodierte es. Was S1 noch nicht verstehen konnte, doch ihr wurde ganz heiß. Und sie fühlte, DAS war zutiefst „weiblich“.

Dann sah sie das „männliche“ in einem unausgereiften Zustand, viel, viel kleiner als in seiner jetzigen Form. Es saß mit einem ausgewachsenen Fremdwesen zusammen und sie sah, dass es eine knifflige Frage an das größere Fremdwesen richtete: „Und dann springen die rüber?“

Sofort zeigte sich ein Bild mit winzig kleinen Wesen, die eine unvorstellbar kleine Lebensmasse hatten, mit einem langen Faden daran. Sie hatten es sehr eilig und schwammen in einer großen Gruppe gemeinsam auf etwas zu, dass viel größer als sie selbst war und eine runde Form hatte. Einem Fadenwesen gelang es in das runde Teil einzudringen.

Im nächsten Bild erschien wieder ein großes Fremdwesen mit getrenntem Brustbalken, das auf dem Rücken lag. Rote Flüssigkeit und Schleim liefen aus der Körpermitte und ein großer roter Klumpen folgte und vor dem großen Fremdwesen lag plötzlich ein sehr kleines Fremdwesen, dass an einer grauen, gewundenen Schnur an dem großen Fremdwesen befestigt war.

Nun erschienen noch schrecklichere Bilder.

S1 sah, wie nackte und stark behaarte Fremdwesen, zwischen deren Beinen etwas Undefinierbares herum baumelte, mit gebücktem, aber dennoch aufrechtem Gang, große, unförmige Dinge in ihren Händen hielten und damit aufeinander losgingen und sich mit diesen großen Dingen sehr fest berührten, so das viele von ihnen zusammenbrachen und überall rote Flüssigkeit aus ihnen herausströmte.

Die Bilder folgten immer schneller. Sie sah große Schalen auf dem Wasser, in denen viele Fremdwesen waren, die mit langen dünnen und spitzen Gegenständen nach einem sehr großen und länglichen Geschöpf warfen, dass keine Arme und Beine hatte, aber Wasser in die Luft sprühen konnte. Und die langen und dünnen und spitzen Gegenstände blieben in diesem Geschöpf stecken und es versuchte vergeblich zu entkommen. Schließlich wurde es in die Schale gezogen und zerhackt.

Dann erschien ein Bild, auf dem grosse Maschinen in einer Reihe nebeneinander fuhren, auf einem Landstrich der gelb wirkte und auf dem etwas abgeschnitten wurde. Es erschien das Wort „Septemberweizen“ und die Definitionsschiene zeigte die Worte „Hunger der Welt“, was ihr noch nichts sagte, doch daraufhin erschienen eine Unzahl von kleinen Fremdwesen mit großen Augen, die unter der Sonne zu vertrocknen schienen, sie waren sehr dünn. War das die Erklärung? Und dann sah sie Maschinen mit Fremdwesen darin, die wie Raumschiffe durch das Universum flogen, aber sie waren von spitzer Form und ließen Dinge fallen, die zu Explosionen führten. Und am Ende stieg Feuer und Staub vom Planeten auf. Zum Schluss zeigte sich dort auf diesem Planeten eine Landschaft, die der Landschaft auf Siriarius recht ähnlich war.

Kapitel 18

M1 dachte, ich bin müde.

M2 dachte, ich bin so müde.

M3 dachte, ich möchte Nachhause.

M4 dachte, wenn die Außerirdischen so wären wie wir, na dann gute Nacht.

M5 dachte, vielleicht sind sie gnädig und bringen mich zurück. Ich möchte endlich eine gute Tasse Kaffee trinken.

M6 dachte, ich werde die Frauen nie verstehen.

Auf dem Bildschirm des Mindkonverters erschienen die Worte: ACHTUNG! Experiment abgebrochen. „männliches“ inkompatibel für Kooperation. Flug Gemma!-007 startbereit. Von Graz aus dem Buchladen, nähe Marienstatue, „Schöne neue Welt“ mitbringen!

© Florinda Ke Sophie, Graz 2009

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